Talent braucht keinen „Schein“, sondern Freiraum

Ich habe mich vor 2 Wochen sehr lange mit einem außerordentlich erfolgreichen Unternehmer unterhalten. Ganz beiläufig habe ich herausgefunden, dass er sich für die „Persönlichen Fähigkeiten“ seiner Mitarbeiter interessiert, diese nicht nur bereits im Bewerberprozess herauskitzelt, sondern auch noch in der Personalakte vermerkt. Und übrigens ohne die Vorlage von Beweisen wie Scheinen oder Zertifikaten. Wie schön: ein Wesensprofil von einem Menschen inklusive der ganzen Liste, was dieser Mensch zum Nutzen der Gemeinschaft auf allen Ebenen eh schon im Gepäck hat und einer riesigen Portion an Vertrauen.

Besondere Fähigkeiten, Talente, Begabungen…. Was ist das?
Jeder Mensch ist einzigartig, ausgestattet von Natur aus mit Gefühlen, Charakter, Selbstbewusstsein, Hirn und mehr. Beim Stöbern im Internet nach Definitionen für Begabung oder Talent findet sich z.B. „eine bestimmte große Fähigkeit für etwas, die jemand nicht durch Lernen oder Ausbildung erworben hat, sondern bereits von Geburt an besitzt.“ oder „eine Veranlagung, die mit viel Üben, Üben, Üben zur Höchstleistung trainiert werden kann“. Keine wirklich einheitliche Beschreibung. Eines jedoch eint wohl alle: eine natürlich vorhandene Begabung oder Fähigkeit ist mit einer Leidenschaft zum Lernen verbunden, einer intrinsischen Motivation, die den Menschen antreibt. Und genau hier macht Förderung Sinn.

Sogar das Bundesministerium für Bildung fordert, die Talente und Begabungen von Menschen vor allem in Unternehmen wieder zu fördern. Nur was heißt „fördern“? Heißt es, Mitarbeiter auf Kurse zu zwingen oder im Bewerbungsgespräch Scheine zu fordern, die die Existenz einer solchen Veranlagung beweisen?

Nein, es heißt in erster Linie, Vertrauen zu haben, dass Jeder mit vielfältigen Möglichkeiten ausgestattet ist und mit dem Willen, zu leisten, zu üben und zu lernen, sich zu entwickeln mit Leichtigkeit und Leidenschaft.

 

Wie also kann eine Führungskraft persönliche Fähigkeiten fördern?

  • Erkennen, was für persönliche Begabungen eh da sind und nutzen, was die Evolution beim Menschen schon immer als wertvoll angesehen und deshalb ausgeprägt hat
  • Raum geben, zur Entfaltung und fürs Wachsen, Experimentieren und Verbinden mit anderen wertvollen Fähig- und Fertigkeiten sowie zum Vernetzen mit anderen Menschen und vorhandenem Wissen und Erfahrungen
  • Unterstützen zum Wesen passend, d.h. Menschen entweder Kurse ermöglichen, wenn sie lieber in Gemeinschaft lernen oder autodidaktisches Lernen erlauben und Material bereitstellen

 

Vertrauen schafft Möglichkeiten

VerTRAUen hat mehrere Aspekte:

  1. jemandem etwas zutrauen, ihn damit anfeuern und anspornen
  2. mich selbst etwas zu trauen und Mut haben, es zu erkennen, anzunehmen, auszuprobieren und dafür einzustehen

Ich selbst weiß, was ich kann. Dieses Vertrauen in mich dürfen auch die Menschen in meinem Umfeld haben, gerade wenn ich ihnen zu dem einen oder anderen Wissen keine Ausbildung nachweisen kann. Themen, die mich faszinieren, spornen mich selbst an, weitere Schritte auf meinem persönlichen Weg der Entwicklung zu machen. Ich brauche Möglichkeiten zur Entfaltung und die finde ich in einem Umfeld, in dem Vertrauen zur Grundausstattung gehört.

Also: Relativieren Sie die Bedeutung von „Scheinen“ und nehmen Sie Ihre Begabungen ernst. Auch die Evolution hat eine gewisse Grundausstattung beim Menschen über Jahrmillionen nicht verändert. Vielleicht sollten wir einfach das als Talent ansehen. Kurse, Ausbildungen, Seminare, … sind für den Menschen da und nicht umgekehrt. Erlauben Sie sich, zu lernen, was und wie es Ihnen Spaß macht, wozu Sie Lust haben. Setzen Sie sich für diese Freiheit auch bei Ihrer Führungskraft ein. Und falls doch jemand von Ihnen einen „Schein“ fordert, malen Sie sich selbst einen 🙂